Mit System texten

Fach- und Führungskräfte sind heute mehr denn je gefordert, sich schriftlich angemessen zu präsentieren. Zunächst gibt es eine durch die Digitalisierung enorme gestiegene Vielfalt an Sachtexttypen: Projektberichte, Stellungnahmen, Emp-fehlungen, Entscheidungsvorlagen, Fachartikel, Internetseiten, Newsletter, E-Books etc. Ebenso zahlreich ist die Variation an analogen Texten wie Firmenpräsentationen, Imagebroschüren, Mailings, Presseartikeln etc. Informative und überzeugende Texte sind deshalb eine ständig wiederkehrende Chance, Professionalität zu zeigen. Sie bergen im Umkehrschluss aber auch das Risiko, sich als schreibinkompetent zu blamieren. Das Wissen, wie man effektive Texte erstellt, ist dennoch alles andere als Allgemeingut.

Prägnante Texte

Ein prägnanter Text löst beim Leser eine erwünschte Reaktion aus. Dies kann ein Handlung oder eine Emotion sein. Hierzu definiert der Text zunächst die Problemstellung aus der Sicht des Adressaten, indem er an eine bekannte Situation an- knüpft und die sich hieraus ergebende Aufgabe oder Herausforderung darstellt. Aus der problematischen Veränderung der Ausgangssituation wird eine Schlüssel-, Kern- oder Fokusfrage abgeleitet, auf die der Text eine Antwort zu liefern verspricht. Als zusammenfassende Antwort auf die Fokusfrage wird eine Kernbotschaft formuliert. Hierbei kann es sich um die Ursachen- analyse für eine problematische Veränderung, einen Lösungsvorschlag zur Erreichung eines Ziels oder einen Maßnahmenplan für die Umsetzung einer Lösungsidee handeln. Sofern die Folgen einer Veränderung oder die Ziele der Betrachung aus dem Blickwinkel des Lesers erklärungsbedürftig sind, können auch sie eine Kernbotschaft des Textes darstellen. Von der Kernbotschaft ausgehend erfolgt die Darstellung der Antworten top-down in Form einer hierarchischen Argumentations- pyramide. Auf der zweiten Ebene der Pyramide stehen somit die Schlüsselaussagen des Textes. Schlüsselaussagen können Empfehlungen, Argu-mente, Aktionen oder Prozessschritte sein. Zusammen mit der Kernbotschaft sind sie die wichtigsten Punkte des pyramidal strukturierten Textes und liefern damit auch das Konzentrat der Gesamtbotschaft. Bei der dritten bis zur maximal fünften Ebene handelt es sich um Detailebenen. Diese bestehen aus Daten, Beispielen oder Be- weisen. Die Detailebenen begründen die Schlüsselaussagen und damit die Kernbotschaft durchgehend bis in die letzte Ebene. Mehr als fünf Ebenen sind in der Regel nicht sinnvoll, da die Struktur in einem so hohen Detailgrad für die Empfänger zu kom- plex ist. Für sie sind in der Regel alle kommunizierten Inhalte neu. Daher ist nur ein bestimmtes Maß an Informationen erfassbar. Nicht nur die Kernbotschaft wird aus der Leserperspektive abgeleitet, auch die Unterpunkte der Pyramide ergeben sich durch einen Prozess von Frage und Antwort. Diese Art der Textgestaltung wurde als erstes von der ehemaligen McKinsey-Mitarbeiterin Barbara Minto entwickelt. Immer noch lesenswert ist ihr Buch-Klassiker Das Prinzip der Pyramide: Ideen klar, verständlich und erfolgreich kommunizieren (Pearson Studium - Business 2005). Empfehlenswert u.a. auch Johannes Kochs: Pyramidales Strukturieren und Visualisieren: Präsentatio- nen auf den Punkt bringen (Beltz 2018). Die Methode des pyramidalen Strukturiens deckt sich grundsätzlich mit der Assimilationstheorie von David Ausubel.
Ziele
Situation
Ver- änderung
Folgen Lösungen
Ursachen
Mittel & Maßnahmen
blockieren
erzeugt
bringt mit sich
bewirken
Basis für
zur Umsetzung von
zur Verwirklichung der
im Widerspruch zu
Fokusfragen
Ausgangspunkte informativer Texte
Legende
Begründung Ausführung
Kernbotschaft

Schreibdenken

Konzeptmaps sind nicht nur eine effektive Grundlage für die Ausformulierung einer Idee in einem Text. Das Schreiben selbst ist vielmehr eine genuine Metho- de zur Entwicklung weiterer neuer Ideen. Die Diplom-Psychologin und Schreib- coachin Ulrike Scheuermann fasst Erkenntnisse der Schreibforschung wie folgt zusammen: "Beim Schreibdenken gehen Schreiben und Denken eine schöpferische Verbindung ein ... Der Name ist durch einen in der Sprechwissenschaft stammenden Begriff angeregt: 'Sprechdenken' bezeichnet die parallele Fähigkeit von Sprechen und Denken; jemand denkt während des Sprechens scon voraus, hin zum nächsten Gedanken, zum näch- sten Satz. Beim Schreiben verhält es sich ähnlich: Während man Wörter und Sätze formuliert, geht parallel das Denken schon weiter. Das ist eine großartige Fähigkeit des Menschen, die uns sowohl beim Sprechen als auch beim Schreiben zugute kommt" (Ulrike Scheuermann: Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln). UTB 2012, S. 18). Auf eine einmalige Art und Weise hat das Phänomen der dem Schreibprozess selbst innewohnenden Kreativität der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg zum Ausdruck gebracht: "Zur Aufweckung des in jedem Menschen schlafenden Systems ist das Schreiben vor- trefflich, und jeder der je geschrieben hat, wird gefunden haben, daß Schreiben immer etwas erweckt was man vorher nicht deutlich erkannte, ob es gleich in uns lag."
Lichtenberg-Denkmal am alten Rathaus Göttingen
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konzeptionelle KOMPETENZ